Dieser Text ist am Sonnabend, den 15.November 2008 in der Deister- und Weserzeitung erschienen
Das eigene Reich – und doch in Gemeinschaft
Moderne Wohnformen für mehr Lebensqualität in jedem Alter / Nachbarn müssen zusammenpassen
Hameln-Pyrmont. Ralf König hat einen Traum: Er wünscht sich eine Hausgemeinschaft, in der jeder sein eigenes Reich hat, aber genug Platz für gemeinsame Wohn- und Lebensbereiche bleibt. Ein umgebauter Bauern- oder Resthof wäre ideal, wo er mit seiner Partnerin, Freunden und Gleichgesinnten ein selbstbestimmtes Leben führen könnte. Der 56-Jährige, der drei erwachsene Kinder hat, träumt von gemeinsamen Unternehmungen und gegenseitiger Unterstützung – vor allem im Alter. Wenn er die Eifel verlässt, um ins „schöne Weserbergland in die Nähe Hamelns“ zu ziehen, soll dies sein letzter Ortswechsel sein. Auf gar keinen Fall möchte er das letzte Lebensdrittel in einer der „herkömmlichen Einrichtungen“ verbringen. „Man muss etwas tun, wenn man im Alter nicht allein sein will und die finanziellen Möglichkeiten begrenzt sind“, sagt er. „Anders wohnen – anders leben“ seit 2003 Bild vergrößern Immer mehr Menschen interessieren sich für alternative Wohn- und Lebensformen, heißt es beim Forum Gemeinschaftliches Wohnen e.V. (FGW), das über ein bundesweites Informationsnetzwerk verfügt und allein im vergangenen Jahr mehr als 10000 Anfragen bearbeitet hat. In den 1970er Jahren lebten fast ausschließlich junge Menschen wie Studenten oder Anhänger der „alternativen Szene“ in gemeinschaftlichen Wohnformen. Heute seien es vor allem die über-50-Jährigen, die sich experimentierfreudig zeigen, weiß Ingeborg Dahlmann vom FGW. Sie leitet die Bundesgeschäftsstelle in Hannover, die vom Landessozialministerium gefördert wird. Bei „anders wohnen – anders leben“, einem 2003 von 17 Interessierten gegründeten FGW-Verein in Hameln, engagieren sich mittlerweile 50 Mitglieder. Einige davon haben ihren Traum in der Rosa-Helfers-Straße 20 verwirklicht: 12 Frauen und ein Mann im Alter zwischen 57 und 85 Jahren leben hier in einer ungewöhnlichen Hausgemeinschaft. Das Projekt vereint individuelle Wohnvorstellungen und -budgets mit gemeinschaftlichen Nutzbereichen. Gisela und Eckardt Wansleben haben schon viele interessierte Gruppen aus ganz Deutschland durch den großzügigen Lichthof geführt und ihnen die Türen zu Gruppenzimmer, Gästeappartement oder Hobbyraum geöffnet, die allen Bewohnern offen stehen. Eckhardt Wansleben erzählt, wie der Stein ins Rollen kam, als sie 2001 auf das Zeitungsinserat „Wahlfamilie statt Alleinleben“ stießen. „Es gab private Treffen, wir haben gemeinsame Ausflüge und Wanderungen unternommen, um zu sehen, ob wir auch zusammenpassen.“ Interessenkonflikte und Hindernisse ließen sich dennoch nicht vermeiden: Stadt oder Land, Miete oder Kauf, rechtliche und finanzielle Absicherung waren nur einige der Themen, bei denen einzelne Gruppenmitglieder ausstiegen. Eine geeignete Gebrauchtimmobilie wurde nicht gefunden. „Also suchten wir einen Investor, der bereit war, nach unseren Vorstellungen stadtnah zu bauen und anschließend an die Gruppe zu vermieten.“ In der Kommunalpolitik sei man damals auf wenig Interesse gestoßen, „hier herrschten große Berührungsängste“. Vom ersten Treffen der Initiatoren bis zur Fertigstellung durch Architekt Klaus Wehrmann und Bauunternehmer Jens Kursawe vergingen vier Jahre. „Das ist wenig, im Vergleich zu anderen Projekten dieser Art“, meint Wansleben. Glücklicherweise gab es genug Entschlossene: „Wir hatten alle ähnliche Grundvorstellungen. Jeder wollte sein Leben frei gestalten können und trotzdem nachbarschaftliche Verantwortung übernehmen“, fasst der 61-jährige Gymnasiallehrer die Beweggründe zusammen. „In der Regel haben alle, die sich auf so ein Projekt einlassen, große berufliche oder private Erfahrung im Umgang mit anderen Menschen. Das ist auch notwendig.“
Doch warum bringen sich heute überwiegend ältere Menschen in solche Wohnprojekte ein? Die Gründe sind vielschichtig, weiß FGW-Expertin Dahlmann: Junge Menschen, auch mit Kindern, seien häufig noch in der Orientierungsphase, beruflich und persönlich noch nicht so gefestigt. „Oft fehlt ihnen der notwendige Weitblick“, das sei auch an den Baugewohnheiten erkennbar. Einfamilienhäuser ohne Barrierefreiheit überwiegen und seien langfristig nur eingeschränkt nutzbar. „Dabei freut man sich doch in jeder Lebensphase, gerade mit Kinderwagen, über Stufenlosigkeit, breite Türen, und niedrige Klingelknöpfe“. Bei Gemeinschaftsprojekten blieben die langen Planungsphasen oft nicht folgenlos: „Kommunen können Grundstücke nicht immer lange genug freihalten, und es finden sich nur selten Gebäude, die entsprechend umzugestalten sind.“ Das sei vor allem für junge Familien belastend. Die Gruppe könne während dieser Zeit zerbrechen.
Konfliktfähigkeit gilt beim gemeinschaftlichen Wohnen als Grundvoraussetzung. Die Fachfrau schildert das Beispiel zweier Frauen einer Hausgemeinschaft, die fast täglich heftig diskutieren. Das sei für beide wie ein Lebenselixier. „Sicher ist man nicht immer einer Meinung“, bestätigt Eckhardt Wansleben, „es ist wichtig, dass jeder auch sein eigenes Leben lebt und einfach die Tür hinter sich zumachen kann.“ Nur durch Distanz sei Nähe möglich.
Keiner soll sich aufopfern müssen
Trotz des Wunsches nach nachbarschaftlicher Vertrautheit und der Furcht vor dem Alleinsein überwiegen nach Meinung der Befragten häufig Skepsis und Angst vor zu viel Nähe. Keiner solle und dürfe sich aufopfern. Und trotzdem kennen sie die Bedenken der jüngeren Leute, die glauben, ältere Nachbarn später pflegen zu müssen. Ältere befürchten dagegen, als Ersatz-oma oder -opa vereinnahmt zu werden, oder scheuen Trubel und Lärm. „Wir haben unser Leben mit Kindern gelebt und unsere Aufgaben erfüllt; eigene Enkelkinder sind uns genug“ – das habe sie schon oft gehört, sagt Gudrun Hellert. Die ehemalige Vorsitzende des Hamelner Kinderschutzbundes und ihr Mann Uwe sind 60 Jahre alt und können sich ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen. „Man hat einander so viel zu geben, und es hält jung, die Welt durch Kinderaugen zu betrachten.“ Auch die Hellerts wollen sich ein Gemeinschafts-Wohnprojekt suchen. Das komme für sie nur mit Jung und Alt infrage. „Schließlich muss es ja auch lebendig bleiben, damit es auf Dauer funktioniert.“
In der nächsten Folge lesen Sie am Montag über arbeitende Senioren. Der Verein für Gemeinschaftliches Wohnen (FGW) will „Menschen dazu anregen, neue Wohn- und Lebensformen zu finden, um in der sich verändernden Gesellschaft neue tragfähige soziale Bindungen zu schaffen“ und das „Verständnis zwischen den Generationen zu verbessern“. Der FGW unterstützt nicht nur privat Interessierte, sondern zunehmend auch Wohnungsanbieter, Stadtplaner und Kommunen. Hameln-Pyrmonts Kreissiedlungsgesellschaft erprobt den Einsatz einer Sozialarbeiterin in einer Coppenbrügger Wohnanlage, um Unterstützung in Einzelfällen anzubieten und Nachbarschaftskontakte anzuregen. „Das Projekt läuft sehr gut“, sagt KSG-Chef Joachim Kruppki. Die Wohnungsgenossenschaft Hameln (WGH) bietet ihren Bewohnern ein umfangreiches medizinisches und soziales Leistungsangebot durch das Unternehmen „Service 2000“. Firmengründerin Karen Boedeker zählt dazu auch den „Ausbau nachbarschaftlicher Kontakte und Unterstützung zwischen Alt und Jung“. Die Hamelner Wohnungsbau-Gesellschaft (HWG) arbeitet an einer Machbarkeitsstudie für ein generationsübergreifendes Wohnprojekt in der AltenFeuerwache am Ostertorwall. Alle Gesellschaften versuchen nach eigenen Aussagen, auch in Bestandswohnungen den Forderungen nach Barrierefreiheit gerecht zu werden, damit ältere Menschen möglichst lange in ihrer Wohnung zurechtkommen. Im Internet: www. anderswohnen-hameln.de; Forum Gemeinschaftliches Wohnen: www.fgw-ev.de; „Leitfaden gemeinschaftliche Wohnprojekte“, Bürgerbüro Stadtentwicklung Hannover: www.bbs-hannover.de.